über Wein

Domaine de Pégau Châteauneuf-du-Pape 2008 oder was ist ein „schlechter“ Jahrgang?

Châteauneuf-du-Pape, eine Appellation von Weltruf. Von ihr kommen rote und weiße Weine von Statur, Rang und Namen. Den Grundstein dafür legt das Terroir. Es ist hier sehr abwechslungsreich und bietet verschiedensten Rebsorten ein geeignetes Zuhause. Über 12 Rebsorten sind für diese Appellation zugelassen. Allen voran Grenache, gefolgt von Syrah und Mourvèdre, aber auch Roussanne, Bourboulenc und Clairette.

Der rote Châteauneuf-du-Pape ist in der Regel eine Cuvée, die sich aus den zugelassenen Rebsorten zusammensetzt. Zu welchen Teilen oder ob der Châteauneuf-du-Pape nur aus einer Rebsorte (beispielsweise Grenache) bestehen soll, bleibt den Winzern selbst überlassen. Neben der Federführung bei der Rebsortenzusammensetzung spielt bei diesen „großen“ Weinen der Stil eine entscheidende Rolle: Traditionell oder modern?

Die Traditionalisten produzieren noch verhältnismäßig archaisch. Vergoren werden die Trauben spontan mit wilden Hefen auf Stiel und Stängel im Zementtank oder großen Holzfass. Der Weinberg wird biologisch bewirtschaftet und erfährt große Aufmerksamkeit. Die Weine sind oft etwas knarzig, unfiltriert, benötigen Aufmerksamkeit und sind in jungen Jahren recht verschlossen.

Anhänger der Moderne nutzen die technologischen Neuerungen und vergären ihr Lesegut in temperaturregulierten Edelstahltanks mit Reinzuchthefe. Der Weinberg wird konventionell bewirtschaftet. Das Ergebnis sind tendenziell zugängliche, verständliche Weine, die früh getrunken werden können und mehr von ihrer technischen Machart als von der Natur geprägt sind.

Mit dieser Beschreibung sollten nur ein wenig die unterschiedlichen Herangehensweisen skizziert werden. Zwischen diesen beiden stark vereinfacht dargestellten Positionen gibt es viel Platz für Mischformen. Nichts in der Weinwelt lässt sich so einfach in Schubladen stecken und kategorisieren, das hat die Vergangenheit oft genug bewiesen.

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Die Domaine de Pégau zählt zu den traditionell geführten Weingütern. Entsprechend „wild“ und natürlich kommt dieser Châteauneuf-du-Pape daher. 2008 war alles andere als ein leichter Jahrgang. Viele bezeichnen ihn als „katastrophal“ oder schlichtweg schlecht. Solche Aussagen dämpfen den Absatz der Weine und werden der harten Arbeit der Winzer im Weinberg und Keller nicht gerecht. Wenn man erkennt, was sich hinter einem Jahrgang verbirgt, kann man den Wein einschätzen und entsprechend genießen. Nur weil der Jahrgang lediglich mit vier von fünf Sternen bewertet wurde und das Lagerpotential im Vergleich zum vorherigen Jahrgang von 25 auf „nur“ 15 Jahre reduziert wurde, bedeutet das nicht automatisch, dass der Wein minderwertiger ist.

Das schön am Weinuniversum ist die Einzigartigkeit jedes Jahrgangs. Wer bestimmt denn wie ein guter Wein aus gutem Jahrgang schmecken soll? Die einen bevorzugen Finesse und Frucht, die anderen Eleganz und zartes Säurespiel und wieder anderen wollen Wein, der vor Extrakt und Statur nur so strotzt.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Universum der Geschmackskonventionen ist schon seit Jahrzehnten im Gang. Einen Gewinner gibt es nur, wenn man seine persönlichen Vorlieben der Doktrin eines anderen Lagers unterwirft. Da Sinneseindrücke wie das Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören und Sehen immer etwas sehr Persönliches sind, ist es nur schwer verständlich, warum die Sinneswahrnehmungen anderer passender sein sollten als die eigene.

Wie bei der Musik gibt es nicht „die eine Musikrichtung“, die das anzustrebende Ziel darstellt. Geschmäcker sind verschieden und die Vielfalt der Musik eine Bereicherung. Der Musikgeschmack kann als Analogie auf den Wein verstanden werden. Je nach Stimmung und Situation darf es mal ein Glas Pomerol mit etwas Soul von Bill Withers, ein Schluck steierischen  Orangewine mit Deep-House von Âme oder ein wuchtiger Châteauneuf-du-Pape zu den Beats von RZA sein. Erlaubt ist, was gefällt, und Genuss kennt keine Grenzen.

Der Jahrgang 2008 wurde an der südlichen Rhône mit zwei von fünf Sternen bewertet. Bedeutet in diesem Fall nichts außer jetzt trinken! Potential für längere Lagerung bringt er nicht mit. Sucht man einen passenden Vergleich, um die Rotweine aus Châteauneuf-du-Pape zu beschreiben, so kommen sie tendenziell einem Bodybuilder auf anabolen Steroiden am nächsten. Mit 15 % Alkohol an der Obergrenze des Möglichen, vor Extrakt strotzend und tiefdunkler Farbe von vollreif gelesenen Trauben bringen die Weine schon fast zu viel auf einmal mit.

Nicht so dieses Exemplar von der Domaine du Pégau. Es duftet ledrig, holzig, fast animalisch in Kombination mit intensiven Beeren-Aromen. Ein verhältnismäßig leichter Trinkfluss und süßliche Noten bei nur 2 g Restzucker animieren zum Weitertrinken. Ein bisschen gut gewürztes Pulled Pork, ein paar rote Oliven und alles andere, was intensiv schmeckt. Der Wein dominiert am Ende sowieso mehr, als dass er ergänzt. Einfach lecker zu trinken. Schwupps ist die Flascher leer und der „schlechte“ Jahrgang schon vergessen. Châteauneuf-du-Pape mal anders.

…el emperador

Orange Wine

Orange Wine hat in den letzten Jahren einen großen Hype erlebt und ist mittlerweile über den Weinglasrand hinaus in die internationale Weinwelt geschwappt. Das „Besondere“ an diesem Wein ist seine Herstellung. Dafür werden die Trauben weißer Rebsorten benötigt. Bei der regulären Weißwein Produktion werden die Trauben gepresst und nur der Saft weiter zu Weißwein verarbeitet. Die entsafteten Traubenreste haben keine Funktion mehr in der Vinifikation und werden besipielsweise als Dünger anderweitig verwendet. Bei der Herstellung von Orange Wine werden die weißen Trauben nur angepresst und dann wird sowohl der Saft als auch die Beerenschalen (teilweise auch die Traubenstiele) gemeinsam vergoren. Dieses Verfahren wird auch bei der Rotwein Herstellung genutzt. Grob gesagt gilt, je länger die Beerenschalen Kontakt mit dem Most haben, desto mehr Farb- und Aromastoffe werden herausgelöst. Rotwein wird, abhänging von der verarbeiteten Rebsorte, dunkler und dichter. Aber was passiert bei weißen Trauben, die keine dunkelrot-blau färbenden Anthocyane besitzen?

Viele weiße Rebsorten besitzen, zur Überraschung einiger Weintrinker, eine beträchtliche Anzahl an Aromastoffen (Phenole) und an gelblichen Farbstoffen (Flavone). Die Beerenschalen und die darin enthaltenen Stoffe bekommen bei der Orange Wine Herstellung die Möglichkeit zu zeigen, was in ihnen steckt. Die so gewonnenen Weine haben das Potenzial mehr Farbe (von dunkel Gelb bis Orange!), Struktur, Dichte, Vielschichtigkeit und verhältnismäßig große Lagerzeiten mitzubringen. Hinzu kommt eine Grundtendenz bei dieser Produktionsweise auf Reinzuchthefe, Enzyme oder Chaptalisation (Aufzuckern) zu verzichten. Auch der Anteil an Schwefel zur Stabilisierung des Weines wird gering gehalten oder es wird ganz darauf verzichtet. Abgefüllt wird der Wein meist unfiltriert. Bei einer solchen naturnahen Vinifizierung, bekommt ein sonst eher weinger beachteter Faktor einen ganz neuen Stellenwert: der Weinberg. Die Arbeit des Winzers verschiebt sich vom Keller in den Weinberg, wo er durch Rebschnitt und Laubwandmanagement vitale Reben und somit entsprechende Traubenqualität hervorbringt. Schädlinge und Krankheiten müssen möglichst ohne chemische Mittel beseitigt werden. Der Mikrokosmos Weinberg muss „gesund“ sein. Biodynamik ist also unabdingbar. Nur wenn der Winzer entsprechend in seinem Weinberg arbeitet, kann er ohne größere Eingriffe seine Weine im Keller entstehen lassen. Abhänging von Winzer und Rebsorte können dabei überaus interessante Weine entstehen, die so manchen Chablis-Trinker staunen lassen.

Dieser kurze Abriss zum Thema Orange Wine soll lediglich einen Überblick geben. Die Vorgehensweise bei der Produktion ist von Winzer zu Winzer unterschiedlich.

Diese neue Mode hat also den Orange Wine als Vierten im Bunde von Rotwein, Weißwein und Rosè, salonfähig gemacht. Ob dieser Trend sich etabliert bleibt ungewiss, aber er bietet Winzern, die bereits seit Jahrzehnten auf diese Weise Orange Wine herstellen, eine Plattform, um ihre Kunst einer breiteren Masse zugänglich zu machen.

…el emperador